Für eine gerechte Bildungspolitik

CarstenSinger_Lehrer_Bildung

Das grundsätzliche Ziel einer sozialdemokratischen Bildungspolitik muss meiner Ansicht nach sein, eine möglichst große Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen zu generieren.

In den letzten Jahrzehnten haben wir im Bildungssystem eine Expansion gesehen. Immer mehr Jugendliche machen das Abitur und studieren an Hochschulen und Universitäten. Das Kita-Angebot wurde ausgeweitet. Dennoch hängt in Deutschland das Bildungsniveau der Kinder und Jugendlichen sehr stark (stärker als im OECD-Durchschnitt) von der sozialen Herkunft ab. Dies muss geändert werden.

Da man die Herkunft der Schüler*innen nicht ändern kann, müssen die Systeme geändert werden. Und am besten jene, die Ungleichheiten im Bildungsniveau am besten ausgleichen können. Das ist in erster Linie die frühkindliche Bildung. Diese hat den maßgeblichsten Einfluss auf den späteren Bildungserfolg. Dies liegt daran, dass Kinder schneller lernen je jünger sie sind.

Es ist daher auch nicht zu erklären, warum in Deutschland deutlich mehr Geld in die Sekundarstufe II (gymnasiale Oberstufe, berufsbildende Schulen, etc.) und in den Hochschulbereich investiert wird als in die frühkindliche Bildung. Wir müssen den frühkindlichen Bereich deutlich stärken.

Dabei sind meine wichtigsten Forderungen:

  • Kostenlose Kitas: Die Gebühren für Kitas und Kindergärten müssen abgeschafft werden, da sonst gerade Familien mit sozio-ökonomisch schwachem Hintergrund ihre Kinder nicht in die Kitas und Kindergärten schicken. Das betrifft gerade die Kinder, die am meisten von einem Kitabesuch profitieren würden.
  • Kindergartenpflicht: Es ist bewiesen, dass Akademikerfamilien ihre Kinder eher in Kitas und Kindergärten schicken als sozio-ökonomisch schwache Familien. Damit werden Kindern aus sozial schwachen Schichten wichtige Bildungschancen verwehrt und die Ungleichheit in der Gesellschaft weiter verfestigt. Kinder können noch nicht selbst entscheiden, ob die Bildung im Kindergarten für sie später mal wichtig sein wird. Daher muss der Kindergartenbesuch, wie es bei Schulen bereits selbstverständlich ist, verpflichtend sein.
  • Akademisierung der frühkindlichen Bildung: Das Personal in Kitas muss langfristig Schritt für Schritt akademisiert werden. Man kann bereits jetzt frühkindliche Bildung studieren. Wir setzen in der Schule, wenn die Grundfähigkeiten bereits erlernt sein sollten, studierte Pädagogen ein. In Kitas, in denen die Kinder am schnellsten lernen, verzichten wir jedoch darauf. Das macht keinen Sinn. Wir verschenken hier ein Riesenpotential. In den skandinavischen Ländern haben Erzieher*innen zum Beispiel in der Regel ein wissenschaftliches Studium abgelegt. Erzieher*innen sollten also in Zukunft ein abgeschlossenes Studium haben. Dies muss aber mit einer weiteren Veränderung einhergehen, nämlich…
  • Bessere Bezahlung von Erzieher*innen und Grundschullehrer*innen: Wenn ich in den Kitas Akademiker*innen einsetzen möchte, dann muss ich diese auch dementsprechend bezahlen. Daher müssen die Gehälter der Erzieher*innen auf das Niveau eines Gymnasiallehrers (A13 oder S14) angehoben werden. Auch für Erzieher*innen, die eine Ausbildung absolviert haben, sollten die Gehälter auf zumindest S11 angehoben werden. Gleichzeitig müssen berufsbegleitende Studienmöglichkeiten angeboten werden, um in der Gehaltsstufe aufsteigen zu können. Die Kosten dafür muss das Land den Kommunen abnehmen. Ebenso muss das Gehalt der Grundschullehrer*innen auf A13 angehoben werden. Dadurch würde man auch dem Personalmangel in der frühkindlichen Bildung und in den Grundschulen entgegenwirken.

Aber das Schulsystem muss nicht nur im frühkindlichen Bereich reformiert werden

Ein weiterer Punkt, der die Ungleichheit verstärkt, ist die frühe Selektion der Schüler*innen nach der 4. Klasse. Verschärft wird dieses Problem noch dadurch, dass Lehrer*innen (sicherlich unabsichtlich) Kinder aus sozio-ökonomisch schwächeren Familien bei gleicher Leistung schlechtere Bildungsempfehlungen aussprechen als Kindern aus sozio-ökonomisch stärkeren Haushalten. Dies wird oft als sekundärer Bildungseffekt bezeichnet. Allerdings sind diese Bildungsempfehlungen statistisch bewiesen immer noch präziser als die Einschätzung der Leistungen der Kinder durch deren Eltern. Wir brauchen daher:

  • Eine Verlängerung der Grundschulzeit um zwei Jahre
  • Die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung
  • Bessere Schulung von Lehramtsanwärter*innen im Hinblick auf sekundäre Bildungseffekte

Ein weiteres Problem ist die Durchlässigkeit des deutschen Schulsystems

Zwar können Jugendliche z.B. erst einen Realschulabschluss machen und dann noch ein Gymnasium besuchen, allerdings weisen viele Studien darauf hin, dass die Jugendlichen auf den Realschulen im Vergleich zu ihren Altersgenossen auf dem Gymnasium bis zum Ende des Realschulabschlusses ein deutliches Kompetenzdefizit aufweisen. Aus dieser Gemengelage ergeben sich folgende Forderungen:

  • Schaffung eines zweigliedrigen allgemeinen Schulsystems bestehend aus Gymnasien und Gemeinschaftsschulen: Die Gymnasien sind nicht nur die beliebteste Schulform in Deutschland, sondern das Gymnasium gibt es auch als einzige allgemeine Schulform in allen 16 Bundesländern. Daher sollte das Gymnasium weiterhin bestehen bleiben. Die Realschulen sollten jedoch, soweit nicht bereits vollzogen, in Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden. Diese bieten dann eine höhere Durchlässigkeit. Man kann dort sowohl den Hauptschul- als auch den Realschulabschluss, in seltenen Fällen sogar das Abitur machen. Damit wirken sie der zuvor bereits angesprochenen Selektion der Jugendlichen entgegen. Allerdings muss hier ein entscheidender Punkt geändert werden:
  • Weniger selbstorientiertes Lernen: Selbstorientiertes Lernen ist eine tolle Möglichkeit für starke Schüler*innen, sich zu entfalten und Selbstständigkeit zu erlernen. Und starke Schüler*innen können dies auch bewältigen und können sich selbst in neue Sachverhalte einlesen. Aber gerade Schüler*innen aus bildungsferneren Schichten haben Probleme mit dem selbstständigen Lernen. Sie brauchen die Anleitung und die Unterstützung der Lehrkraft. Selbstorientiertes Lernen kann also die sozialen und kognitiven Ungleichheiten verschärfen. Selbstorientierte Lernphasen sollten daher nur Ergänzungen zum „klassischen“ Unterricht sein, dürfen diesen aber nie ersetzen. Und auch während den selbstorientierten Lernphasen muss eine straffe Anleitung durch die Lehrkraft gesichert sein. Eine weitere, meiner Meinung nach sehr interessante Möglichkeit wäre jedoch, das selbstständige Lernen verstärkt in die außerschulischen Bereiche des (oft ausbauwürdigen) Ganztags zu verlegen.

Lehrer*innen und Schüler*innen unterstützen

Des Weiteren wurden den Lehrer*innen in den letzten Jahren zu viele weitere Aufgaben „an den Hals gebunden“, für welche diese nicht ausgebildet sind. Ich denke hier nur an psychologische Betreuung, Umgang mit Medien, etc. Mein Bild des Lehrers ist, dass sich dieser um guten Unterricht zu kümmern hat. Nicht mehr und nicht weniger. Das heißt auch, dass Lehrer*innen entlastet werden müssen.

Oft kommen schlechte Schülerleistungen auch nicht durch kognitive Grenzen zustande, sondern durch z.B. Probleme in der Familie, im Freundeskreis, etc. Um Kinder und Jugendliche hier speziell fördern zu können, braucht es an den Schulen (oder zumindest an den Schulaufsichten, bzw. den Regierungspräsidien) multiprofessionelle Teams. Diese sollten zumindest aus Sozialarbeitern, evtl. auch aus Angestellten aus den Arbeitsagenturen, Psychologen, Bildungs- und Medienwissenschaftlern, etc. bestehen.

Verbunden werden sollte dies mit einem weiteren Ausbau der Ganztagsbetreuung. Vor allem Schüler*innen aus bildungsferneren Schichten haben oft daheim nicht die Möglichkeit, Unterstützung bei den Hausaufgaben, beim Erlernen weiterer Fähigkeiten (z.B. das Spielen eines Musikinstrumentes) oder bei der Bewältigung von Problemen, zu bekommen. Hier ermöglicht der Ganztag in Verbindung mit den multiprofessionellen Teams die spezifische Förderung von (benachteiligten) Kindern. Es wären auch Kooperationen mit Vereinen, deren Mitgliederzahlen ebenfalls sinken, denkbar.

Daher sind meine Forderungen:

  • Entlastung der Lehrkräfte durch multiprofessionelle Teams
  • Weiterer quantitativer wie qualitativer Ausbau der Ganztagsbetreuung
  • Entrümpelung der Bildungspläne

Dies sind nur die wichtigsten Punkte, wie ich mir das Bildungssystem von morgen vorstelle. Es ist aber noch wichtig festzuhalten, dass Bildungspolitik alleine die heutigen Probleme der Chancenungleichheit nicht lösen wird.

Unterstützung

Ich unterstütze die Forderung von Carsten Singer nach einem Ausbau von Ganztagsangeboten. Ein rhythmisierter Ganztag macht Schule zu einem Lern- und Lebensraum, verschafft benachteiligten Kindern Zugang zu musisch-kulturellen Angeboten und unterstützt ihr Lernen.“
Doro Moritz, Vorsitzende der GEW a.D.

Lehrer*innen und Schüler*innen unterstützen

Des Weiteren wurden den Lehrer*innen in den letzten Jahren zu viele weitere Aufgaben „an den Hals gebunden“, für welche diese nicht ausgebildet sind. Ich denke hier nur an psychologische Betreuung, Umgang mit Medien, etc. Mein Bild des Lehrers ist, dass sich dieser um guten Unterricht zu kümmern hat. Nicht mehr und nicht weniger. Das heißt auch, dass Lehrer*innen entlastet werden müssen.

Oft kommen schlechte Schülerleistungen auch nicht durch kognitive Grenzen zustande, sondern durch z.B. Probleme in der Familie, im Freundeskreis, etc. Um Kinder und Jugendliche hier speziell fördern zu können, braucht es an den Schulen (oder zumindest an den Schulaufsichten, bzw. den Regierungspräsidien) multiprofessionelle Teams. Diese sollten zumindest aus Sozialarbeitern, evtl. auch aus Angestellten aus den Arbeitsagenturen, Psychologen, Bildungs- und Medienwissenschaftlern, etc. bestehen.

Verbunden werden sollte dies mit einem weiteren Ausbau der Ganztagsbetreuung. Vor allem Schüler*innen aus bildungsferneren Schichten haben oft daheim nicht die Möglichkeit, Unterstützung bei den Hausaufgaben, beim Erlernen weiterer Fähigkeiten (z.B. das Spielen eines Musikinstrumentes) oder bei der Bewältigung von Problemen, zu bekommen. Hier ermöglicht der Ganztag in Verbindung mit den multiprofessionellen Teams die spezifische Förderung von (benachteiligten) Kindern. Es wären auch Kooperationen mit Vereinen, deren Mitgliederzahlen ebenfalls sinken, denkbar.

Daher sind meine Forderungen:

  • Entlastung der Lehrkräfte durch multiprofessionelle Teams
  • Weiterer quantitativer wie qualitativer Ausbau der Ganztagsbetreuung
  • Entrümpelung der Bildungspläne

Dies sind nur die wichtigsten Punkte, wie ich mir das Bildungssystem von morgen vorstelle. Es ist aber noch wichtig festzuhalten, dass Bildungspolitik alleine die heutigen Probleme der Chancenungleichheit nicht lösen wird.

Wir brauchen des Weiteren noch:

  • Verstärkte Investitionen in die Infrastruktur in „Problembezirken“. Und das nicht nur in die Schulen. Denn sonst verlassen junge Erwachsene, die den Bildungsaufstieg schaffen, diese Bezirke. Ein positives Beispiel für mein Argument ist die Entwicklung und politische Weichenstellung im Hallschlag.
  • Stärkung der beruflichen Bildung. Die berufliche Bildung ist ein deutsches Erfolgsmodell und ermöglicht es vielen Jugendlichen, die „durch das Raster gefallen“ oder erst im jugendlichen Alter nach Deutschland gekommen sind, höhere Schulabschlüsse nachzuholen.
  • Förderung des lebenslangen Lernens. Die Universitäten und Volkshochschulen müssen dafür vorbereitet werden, dass immer mehr Menschen sich (beruflich) weiterbilden möchten oder müssen.
  • Mehr staatliche Mittel für Forschung: Es kann nicht sein, dass Hochschullehrer und Professoren einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen müssen, Drittmittel zu akquirieren. Hier muss der Staat ein starker Player sein und einen Großteil der Fördermittel bereitstellen.
  • Investitionen in die Volkshochschulen und Öffnung der Hochschulen und Universitäten: Der Transformationsprozess in der Automobilindustrie wird Baden-Württemberg und Stuttgart besonders hart treffen. Wir müssen daher heute schon die Weichen stellen, dass möglichst viele Beschäftigte, deren Jobs in Gefahr sind, weitergebildet und/oder umgeschult werden können. Hier wird den (Volks-)Hochschulen und Universitäten eine ganz neue Bedeutung zukommen. Für diese neue Rolle müssen diese Institutionen personell wie auch finanziell ausgestattet werden.

Carsten Singer zur Bildungspolitik

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